Tuxtape!


Morgenstern’s Werwolf.
12/12/2009, 03:26
Filed under: kleines & makro.

Der Werwolf

Ein Werwolf eines Nachts entwich
von Weib und Kind, und sich begab
an eines Dorfschullehrers Grab
und bat ihn: Bitte, beuge mich!

Der Dorfschulmeister stieg hinauf
auf seines Blechschilds Messingknauf
und sprach zum Wolf, der seine Pfoten
geduldig kreuzte vor dem Toten:

„Der Werwolf“,- sprach der gute Mann,
„des Weswolfs, Genitiv sodann,
dem Wemwolf, Dativ, wie man’s nennt.
den Wenwolf,- damit hat’s ein End‘.“

Dem Werwolf schmeichelten die Fälle,
er rollte seine Augenbälle.
Indessen, bat er, füge doch
zur Einzahl auch die Mehrzahl noch!

Der Dorfschulmeister aber mußte
gestehn, daß er von ihr nichts wußte.
Zwar Wölfe gäb’s in großer Schar,
doch ‚Wer‘ gäb’s nur im Singular.

Der Wolf erhob sich tränenblind-
er hatte ja doch Weib und Kind!
Doch da er kein Gelehrter eben,
so schied er dankend und ergeben.



I.5
24/11/2009, 19:19
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5. Alles ist nämlich rastaquouèresk, meine lieben Leute. Jeder ist (mehr oder weniger) ein überaus luftiges Gebilde, dieu merci. (Nur nebenbei: 10 Pfennig dem Kühnen, der mir nachweist, dass etwas letzthin nicht willkürlich als Norm herumspritzt!) Andernfalls würde übrigens ein epidemisches Krepieren anheben. Diagnose: rabiate Langeweile; oder: panische Resignation; oder: transzendentales Ressentiment etv. (Kann, beliebig fortgesetzt, zum Register sämtlicher unbegabter Zustände erhoben werden.) Der jeweilige landläufige Etat der bewohnten Erdoberfläche ist deshalb lediglich das folgerichtige Resultat einer unverträglich gewordenen Langeweile. Langeweile: nur als harmlosestes Wort. Jeder suche die ihm schmackhafteste Vokabel für seine Minderwertigkeit! (Herziges Sujet für ein scharfes Pfänderspiel!)



I.4
24/11/2009, 19:13
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4. Napoleon, ein doch wirklich tüchtiger Junge, behauptete unverantwortlicher Weise, der wahre Beruf des Menschen sei, den Acker zu bestellen. Wieso? Fiel ein Pflug vom Himmel? Aber etwas hat der homo doch mitbekommen, supponiere ich mir eine liebesunterernährte Damenstimme. Nun, jedenfalls nicht das Ackern; und Kräuter und Früchte sind schließlich auch schon damals dagewesen. (Bitte hier bei den deutschen Biogeneten nachzulesen, warum ich Unrecht habe. Es wird jedoch sehr langweilen. Deshalb habe ich recht.) Sohin also: auch Napoleon, der ansonsten sehr erfreulich frische Hemmungslosigkeiten äußerte, war streckenweise Stimmungsathlet. Schade. Sehr schade.



I.3
24/11/2009, 19:08
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3. Auch einem Lokomotivführer fällt es jährlich wenigstens einmal ein, dass seine Beziehungen zu seiner Lokomotive durchaus nicht zwingend sind und er von seinem Ehegespons nicht viel mehr weiß als nach jener warmen Nacht im Bois. (Hätte ich La Vilette genannt oder die Theresienwiese, so wären beide Beziehungen gänzlich illusorisch; Fingerzeig für Habili-tanten: „Über topographische Anatomie, psychischen Luftwechsel und Verwandtes.“) Im Hotel Ronceray oder in Piccadilly kommt es hingegen bereits vor, dass es verteufelt unklar wird, warum man jetzt gerade auf seine Hand glotzt und trillert, sich kratzen hört und seinen Speichel liebt. Diesem scheinbar so friedlichen Exempel ist die Möglichkeit, dass das penetrante Gefühl der Langeweile zu einem Gedanken über ihre Ursache sich emporturnt, am dicksten. Solch ein lieblicher Moment arrangiert den Desperado (o, was für ein Süßer!), der als Prophet, Künstler, Anarchist, Staatsmann etc., kurz als Rasta Unfug treibt.



I.2
24/11/2009, 18:53
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2. Was dürfte das erste Gehirn, das auf den Globus geriet, getan haben? Vermutlich erstaunte es über seine Anwesenheit und wußte mit sich und dem schmutzigen Vehikel unter seinen Füßen nichts anzufangen. Inzwischen hat man sich an das Gehirn gewöhnt, indem man es so unwichtig nimmt, dass man es nicht einmal ignoriert, aus sich einen Rasta gemacht (zuunterst: Schaubudenbesitzer; zuoberst: etwa Senatspräsident) und aus der mit Unrecht so beliebten Natur eine Kulisse für ein wahrhaftig sehr starkes Stück. Dieser zweifellos nicht sonderlich heroische Ausweg aus einem immer noch nicht weidlich genug gewürdigten Dilemma ist zwar vollends reizlos geworden, seit er so absehbar ist (wie blöde ist eine Personenwaage!), aber eben deshalb sehr geeignet, gewisse Prozeduren vorzunehmen.



I.1
24/11/2009, 18:40
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1. Um einen Feuerball rast eine Kotkugel, auf der Damenseidenstrümpfe verkauft und Gauguins besprochen werden. Ein fürwahr überaus betrüblicher Aspekt, der aber immerhin ein wenig unterschiedlich ist: Seidenstrümpfe können genossen werden, Gauguins nicht. (Bernheim als taschenspielernder Biologe zu imaginieren.) Die tausend Kleingehirnrastas ödester Observanz, welche erigierten Bourgeois-Zeigefingern Ästhetisches servieren (o pastoses Gepinkel!), um Expressionen zu fixen, haben dieserhalb Verwahrlosungen angerichtet, die noch heute manche Dame zu kurz kommen lassen. (Man reflektiere drei Minuten über die Psychose schlecht behandelter Optik; klinisches Symptom, primär: Unterschätzung der Damenseidenstrümpfe; sekundär: Verdauungsbeschwerden.)



franquin #2.
22/06/2009, 19:47
Filed under: franquin, No brown after six.

bisher hatte der spiegel seine wirkung verfehlt.

vielmehr bot sich ihm ein bemitleidenswerter, ins belustigende gleitender anblick. an seinem linken mundwinkel ronn eine spur schwarzen speichels herunter. einige sekunden starren blickes verweilend folgte ein flüssig-flatternder hustenanfall.
es schien, als hätte er auf kunstvolle weise seine nase im tintendöschen platziert, dort eine nicht geringe menge aufgesogen welche durch seinen, von zartrosa lippen eingefassten mund wieder abgegeben werden musste.
nachdem er sein gesicht, seinen hals und ebenfalls seine brust gereinigt hatte, begann er mit größter mühe und genauigkeit, erlebtes, durchträumtes zu rekapitulieren und auf einem schiefertäfelchen variantenreich nebst flüchtigen skizzen niederzuschreiben.

seiner durchführung ließ er gewissenhafte sorgfalt in der form angedeihen, inhaltlich jedoch befand er sich bereits bei der transformation des kontextes, der klitterung der eindrücke und verfolgte strikt die konstruktion einer anekdote, die in seinen kommunikationsplan eingegliedert werden musste.